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"Und gelegentlich die Welt retten"

ÜBER "DIE ZUKUNFT HAT BEGONNEN"


Noch ahnt man nichts von den künftigen Fährnissen

Storycode: I TL 2940-1P
Originaltitel: Darkenblot – Il futuro è già qui
Deutscher Titel: Die Zukunft hat begonnen
Seitenanzahl: 92 (3-reihig)
Autor: Andrea Castellan (Casty)
Zeichner: Lorenzo Pastrovicchio
Erstveröffentlichung: 03.-17. April 2012 (Italien, Topolino 2940 bis 2942)
Deutsche Veröffentlichung: Lustiges Taschenbuch 439

Wir befinden uns im allseits bekannten Gefängnis von Alkaselz. Unter den Insassen ist auch das Schwarze Phantom – noch. Denn gleich wird es fliehen, und zwar auf wirklich sehenswerte Weise. Auf der Flucht scheint es ums Leben zu kommen, doch die Leser bekommen ein anderes Bild.

Sechs Wochen später sitzt Micky nach einem Europaurlaub im Flugzeug nach Hause, als dieses plötzlich "wegen eines Störfalls" in Avantgarde City zwischenlanden muss, einer futuristischen Stadt, in der die Zukunft... siehe Titel der Geschichte. Wegen der vielen Roboter soll sie schon am nächsten Tag in "Robopolis" umbenannt werden. Leider kennt sich Micky nicht allzu gut mit den Gesetzen der Stadt aus und wird festgenommen; den Weiterflug kann er vergessen. Doch auf der Polizeiwache erfährt er, dass die Technik hier offenbar nicht so perfekt ist, wie sie auf den ersten Blick scheint: Schon mehrmals sollen Roboter Bürger der Stadt überfallen und ausgeraubt haben. Gemeinsam mit dem mäßig kompetenten, aber sehr von sich überzeugten Oberkommissar Elias geht Micky der Sache nach. Er ahnt nicht, dass das Phantom dahintersteckt, und erst recht nicht, wie groß angelegt und raffiniert dessen Plan ist...

"Die Zukunft hat begonnen" ("Il futuro è già qui", eigentlich "Die Zukunft ist schon da") ist im italienischen Original nur der Untertitel der Geschichte, eigentlich heißt sie schlicht "Darkenblot". Sie ist die erste einer Serie, die aus insgesamt drei Teilen bestehen soll – in Italien wurden bisher zwei veröffentlicht – und kann dem Bereich der "modernen" italienischen Disney-Comics zugerechnet werden, in dem es seit dem Start der wegweisenden Phantomias-Serie PKNA schon viele Meisterwerke gab. Zeichnerisch umgesetzt wurde die Geschichte von Lorenzo Pastrovicchio, dem nach Anzahl der gezeichneten Seiten wichtigsten Zeichner des neuen Phantomias.

Eher nicht der Beginn einer wunderbaren Freundschaft
Das ist in der Geschichte auch deutlich zu spüren, der man eine gewisse Ähnlichkeit zu den PKNA-Episoden nicht absprechen kann, insbesondere beim finalen Kampf. Geschrieben hat sie Casty – das ist ungewöhnlich, war dieser Autor doch bisher dafür bekannt, Geschichten in der Tradition der Klassiker von Scarpa und Gottfredson zu verfassen.

Wie man sieht, kann er auch anders – und wie! "Die Zukunft hat begonnen" ist von Beginn bis Ende eine mitreißende und spannende Geschichte, und das, obwohl der Böse von der dritten Seite an bekannt ist. Trotzdem gehören die 89 Seiten danach zum Spannendsten, was bisher im LTB zu finden war – man kann eben nicht nur durch Täter-Rätselraten Spannung aufbauen. Stichwort Aufbau: Der der Geschichte ist wirklich fantastisch. Seite um Seite schnurrt der geniale Plan des Phantoms ab, ohne dass die Guten es bemerken; selbst Micky erkennt die Wahrheit erst, als es schon fast zu spät ist. Die Geschichte nimmt immer weiter Fahrt auf, bis sie schließlich zum Finale, dem Fest zur Umbenennung der Stadt, gelangt und in einem finalen Action-Duell zwischen Micky und dem Phantom – beide technisch hochgerüstet – ihren Höhepunkt findet. Die Geschichte ist unglaublich stimmig und schlüssig, alles hat seinen Sinn und läuft logisch ab. Jedes Mal, wenn ich sie lese, entdecke ich neue, bisher nicht beachtete Details und Zusammenhänge, die sich perfekt in die Story einfügen. Und trotz alledem ist immer noch jeden Augenblick spürbar, dass die Geschichte von Casty stammt. Die Figuren verhalten sich auf die spezielle Casty-Weise, zeigen die spezielle Casty-Nervosität, wenn sie etwas zu verbergen haben, und haben die typische, an Scarpa angelehnte Casty-Mimik, die seltsamerweise auch dann auftritt, wenn die Zeichnungen gar nicht von Casty sind. Auch wenn er sowieso ein Top-Autor ist: Hier hat er sich selbst übertroffen.

Auch die Atmosphäre ist großartig. Hier ist insbesondere die Einstiegsszene im Gefängnis zu nennen, in der ein nächtliches Gewitter, die bedrohlich wirkenden "Verbesserungen" des Phantoms an der Gefängnistechnik und der Umstand, dass weder Gefängnispersonal noch Leser seine Vorhaben kennen, eine einzigartige Stimmung schaffen. Doch auch der Rest der Geschichte ist atmosphärisch glänzend; Casty und Pastrovicchio haben mit Avantgarde City eine ganz neue Stadt geschaffen, die nach Lektüre der Geschichte trotzdem vertraut wirkt.

Casty bevölkert die Metropole mit einer Vielzahl interessanter Nebenfiguren, die sie lebendig machen und einen die üblichen, hier bis auf einen Kurzauftritt Minnis am Schluss völlig fehlenden Nebenfiguren des Micky-Universums vollkommen vergessen lassen. Da ist der wunderbare Sidekick Elias, der sich selbst für den Größten hält, aber ohne Micky kein Stück weiterkäme.

Das neu eingekleidete Phantom
Dennoch fasst er, als Micky sich vorstellt, dessen Tätigkeit erstaunlich präzise zusammen: "Verstehe! Ich hab über Sie gelesen. Sie lösen Kriminalfälle und retten gelegentlich die Welt. Ist es nicht so?" Interessant ist, dass er hierarchisch über Micky steht, denn dessen Fall ist noch nicht entschieden und er darf den Oberkommissar nur begleiten, weil er es erlaubt. Das lässt Elias seinen Begleiter auch spüren. Da sind der alte Polizist Bernie und seine pensionierten Kollegen, die für eine vergangene Epoche von Avantgarde City stehen und skeptisch gegenüber den Robotern sind, die ihnen die Schau gestohlen haben; sie leisten Micky im Finale unverzichtbare Hilfe. Da sind der undurchsichtige Roboterfabrikant Peer Performa und seine deutlich kooperativere Mitarbeiterin Frau Saturn, da sind Bürgermeister und Stellvertreter, einer harmloser als der andere, und da sind kleinere, nur kurz auftretende und meist namenlose Figuren, die das Ganze abrunden. Außerdem wird die Geschichte für eine Modernisierung des Phantoms genutzt. Selten war es so durchtrieben und bedrohlich, selten war es so agil, selten nutzte es so effektiv Hightech-Erfindungen und noch nie trug es statt eines einfachen schwarzen Mantels dieses Outfit (siehe nebenstehendes Panel).

Auch Pastrovicchio hat wieder einmal eine Glanzleistung vollbracht; bereits in den PKNA-Geschichten ist zu beobachten, dass dieser Zeichner sich ständig weiterentwickelt, aber dabei seinem individuellen Stil stets treu bleibt. An diesen muss man sich erst einmal gewöhnen (auch wenn er nicht so abwegig ist wie bei manch anderem Zeichner, etwa Freccero, Mastantuono, Intini, Lavoradori), aber dann kann man wirklich großartige Zeichnungen genießen. Ein kleiner Kritikpunkt: Pastrovicchio zeichnet bei weitem nicht so ausdrucksstark und plastisch wie in den bisher auf Deutsch erschienenen PKNA-Geschichten, sondern beschreitet einen Mittelweg zwischen "erwachsenem" und "normalem" Stil. Dadurch sind die Zeichnungen oft weniger gut, als sie sein könnten.
Wer immer übrigens die Geschichte koloriert hat: Auch er hat ganze Arbeit geleistet.

Das Hervorstechendste an der Geschichte ist wohl die brillante Kombination aus "altem" und "neuem" Stil, aus Tradition und Innovation. Bei den Zeichnungen: Fantastisch gelingt Pastrovicchio die Darstellung der futuristischen Technik und der Actionszenen (er hat ja schon reichlich Erfahrung bei Phantomias), zugleich pflegt er aber bei der Mimik seiner Figuren wie gesagt einen klassischen Stil und zeichnet ruhigere Passagen mitunter auch sehr "gewöhnlich". Bei der Panelaufteilung: Mal kreuzbrav im Standard-Dreireiherformat, dann wieder "modern" unregelmäßig. Bei der Handlung: Das Versetzen Mickys in eine andere, gefährlichere Stadt ohne seine Freunde ist bereits aus "Micky Mystery" (siehe LTB Premium 8 und 12) bekannt, aber der Aufbau der Story erinnert auch an die Klassiker, bei denen es ja insbesondere bei Gottfredson oft etwas härter zuging. Beim Schluss: Auf eine scheinbar letzte Seite mit einem typischen Casty-Schlusspanel folgt noch eine weitere, die neue Spannung erzeugt und den Boden für die Fortsetzung bereitet.


Der Konflikt ist alt, die Art der Austragung neu

Natürlich veröffentlicht Ehapa ein solches Meisterwerk nicht ohne kleinere Mängel. Der eigentliche Titel der Geschichte fällt weg, aus "Darkenblot" wird ohne erkennbaren Grund "Horrobot", die drei Teile, in die die Geschichte gegliedert ist (Teil 1 handelt von Mickys Ankunft in Avantgarde City und wie er erste Ermittlungen aufnimmt, Teil 2 vertieft die Vorgänge und Teil 3 ist das Finale beim Umbenennungsfest), haben anders als im Original keine eigenen Titel (immerhin wurden die Titelseiten der einzelnen Teile beibehalten; das ist im LTB keine Selbstverständlichkeit und beispielsweise bei "Das große Buch der Antworten" im selben Band nicht der Fall) und von einer Veröffentlichung im Großformat wie in der italienischen "Disney Definitive Collection" kann man hierzulande nicht einmal träumen. Doch wenn man die Geschichte liest, ist einem das angesichts ihrer überragenden Qualität völlig egal, und man kann dankbar sein, dass eine so ungewöhnliche Story überhaupt im LTB veröffentlicht wurde. Es ist zu hoffen, dass der zweite Teil, der mit 139 Seiten noch länger und auch noch komplexer ist, möglichst bald nachkommt – dass er kommt, wurde erfreulicherweise bereits vom Ehapa-Chefredakteur im Disney Comics Fan Forum bestätigt.

Ein rundum fantastisches Meisterwerk, das man einfach gelesen haben muss!

von Primus

Zuletzt aktualisiert: 25.06.2016, 19:29
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