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London calling

ÜBER "DER RAUB DER KRONJUWELEN"



Storycode: I TL 1507-AP
Originaltitel: Topolino, Minni e il tesoro della corona
Deutscher Titel: Der Raub der Kronjuwelen
Seitenanzahl: 89 (3-reihig)
Autoren: Osvaldo Pavese & Giovan Battista Carpi (?)
Zeichner: Giovan Battista Carpi
Erstveröffentlichung: 14.-21. Oktober 1984 (Italien, Topolino 1507-1508)
Deutsche Veröffentlichung: Lustiges Taschenbuch 134

Micky und Minnie sind als Touristen in London unterwegs, als die Kronjuwelen aus dem Tower gestohlen werden. Klingt nach einem klassischen Krimi? Ist es auch. Aber: Die besten Micky-Krimis sind oft die, in denen Micky selbst unter Druck ist und seine Unschuld beweisen muss. Beispiele gibt es viele, von "Das doppelte Geheimnis des Schwarzen Phantoms" bis "Anderville" (das erste Kapitel der leider kurzlebigen Serie "Micky Mystery"). Auch dass er den Fall ohne Minnie nicht gelöst bekäme, macht ihn sympathischer (und verhilft Minnie, die leider allzu oft nur – speziell in dänischen Geschichten – als Spaßbremse oder Störfaktor dargestellt wird, zu einem stärkeren eigenen Profil). Wie wichtig Minnie für den Verlauf der Geschichte ist, kann man alleine am italienischen Originaltitel erkennen, der sie als gleichberechtigte Hauptfigur neben Micky ausweist. Wie so oft in dieser Situation ist die Polizei völlig überfordert und stürzt sich auf Micky als Hauptverdächtigen, obwohl die Faktenlage eigentlich umfangreiche Ermittlungen erfordern würde. Interessant in dem Zusammenhang (und im Kontext der fortwährenden Kritik an Mickys Charakter): Hätte unser Mäuserich seiner Herzensdame nicht einen ziemlich blöden Streich spielen wollen, dann wäre er jetzt nicht auf der Flucht vor der Polizei. Er hat Minnie einen Schreck einjagen wollen und ist dabei versehentlich im London Tower eingesperrt worden. Logisch, dass so etwas natürlich hochgradig verdächtig ist, wenn zur gleichen Zeit die Kronjuwelen gestohlen werden und der Verdächtige

(also Micky) zudem vorher bei der Besichtigung der unbezahlbaren Insignien den legendären Dieb Captain Blood erwähnt hat. Und jetzt kommt der Clou: Der Dieb hat eine Karte hinterlassen und als "Captain Blood" unterschrieben! Ob Micky aus der Nummer noch mal rauskommt? Natürlich – aber wie er das schaffen wird, bleibt lange Zeit offen. Dass Minnie nach Mickys Flucht vor der Polizei von einem Beamten in Zivil überwacht wird, macht die Sache nicht einfacher und führt dazu, dass Micky einige Male tief in seine Detektiv-Trickkiste greifen muss und Minnie beispielsweise plötzlich von einer "Tante Mimmi" angerufen wird oder von einem augenscheinlich wildfremden Mann im Zoo angesprochen wird. Alles natürlich Tricks, um weiterhin in Kontakt zu bleiben.
Die Atmosphäre verdichtet sich schließlich, als Micky auf der Suche nach einem Scheich im Odeon-Theater landet und dem Dieb Auge in Auge gegenübersteht. Der entpuppt sich als derart gerissen und unberechenbar, dass er es schafft, Micky festzusetzen und Minnie zwingt, ihm die verräterischen Fotos herauszugeben.
Bemerkenswert ist auch, dass die Geschichte eigentlich schon zu Ende scheint, als der Dieb noch einen Fluchtversuch startet – erst hier wird es mit einer abstrusen Verfolgungsjagd richtig witzig (obwohl es immer wieder kleine, nette Gags wie den Affen im Zoo oder die obligatorische Essens-Peinlichkeit im indischen Restaurant gibt).

Was mir bei der erneuten Lektüre dieses Klassikers aufgefallen ist: Mit dem Dieb wird hier eine richtig facettenreiche Figur eingeführt – ein beeindruckender Typ und interessanter Charakter, der eigentlich weitere Auftritte verdient gehabt hätte. Auch die anderen Nebenfiguren wie der ermittelnde Inspektor haben Ecken und Kanten. Osvaldo Pavese schafft es aber auch, die Ermittlungen interessant darzustellen, anders als man das etwa von so mancher "Ein Fall für Micky"-Folge kennt (wobei es auch da positive Beispiele gibt, aber an sich wenig spektakuläre Detektivarbeit in einem Comic zu zeigen, ist eben nicht immer so einfach). Dass Micky auf der Flucht vor der Polizei ist und dementsprechend einerseits in seiner normalen Detektivarbeit behindert ist, andererseits aber unbedingt den wahren Täter finden muss, ist da natürlich praktisch, weil so kaum Langeweile aufkommen kann. Ziemlich geschickt finde ich auch den Kniff, der letztlich zur Lösung des Falls führt: Zwar verfolgt unser Held eine Spur, doch wie nahe er dem Kriminellen tatsächlich bereits ist, weiß auch er zunächst nicht... und apropos Kniff: Auch der, mit dem Minnie den Täter als Lügner entlarvt, ist nicht von schlechten Eltern. Entweder hat die Zeit mit Micky auf Minnie abgefärbt oder sie hatte schon immer detektivisches Talent...


Wie oben schon angedeutet, finde ich Mickys Charakterisierung sehr gelungen – er wirkt sehr menschlich und man fiebert wirklich mit ihm mit. Durch das Fehlen der sonst üblichen Nebenfiguren liegt der Fokus aber natürlich auch sehr auf Minnie und ihm. Auch später zeigt sich, dass Micky alles andere als perfekt ist, denn mit dem Schurken wird er alleine nicht fertig.

Die Zeichnungen sind vielleicht nicht atemberaubend, aber prinzipiell tadellos – Micky und Minnie sind genauso wie die ganzen Engländer gut getroffen. Dasselbe gilt für die Londoner Bauwerke und (sehr schön eingefangen) Straßen. Das Spiel mit den Panels und gelegentliche Perspektivwechsel (z.B. der Blick durch ein Fenster) lockern die Seitenaufteilung ein wenig auf. Wenn man genauer hinschaut, entdeckt man liebevolle Details wie die Raben mit Hüten und Schirmen oder das Schild "very old". Die Bilder könnten von einer modernen Kolorierung sicher noch deutlich profitieren.
Von der Atmosphäre und dem starken Lokalkolorit her ähnelt "Der Raub der Kronjuwelen" merklich "Das Geheimnis von Paris" aus LTB 159 (ebenfalls von Carpi gezeichnet), gerät aber für meinen Geschmack noch einnehmender und überzeugender. Ein Grund dafür sind wohl die beklemmenden Szenen zu Beginn im Keller des Towers und vor allem später rund um das unheimliche Odeon-Theater: Über eine Seite lang wird Minnies Unbehagen beim Betreten des Gebäudes gezeigt, fast schon genüsslich ausgewalzt. So geht gelungener Grusel! Vielleicht liegt es aber auch nur daran, dass ich für die britische Kultur und ihre Exzentrik schon immer viel übrig hatte. Von roten Telefonzellen über Doppeldecker-Busse bis hin zu Big Ben und diversen anderen Sehenswürdigkeiten ist im Prinzip alles, was man gemeinhin mit London verbindet, hier enthalten. Die Schlusssequenz wirkt fast wie die Vorlage für die späteren Covers der LTB English Edition!


LTB 134 gehört zu der seltenen Sorte Comic-Buch, in dem (zumindest in meinen Augen) keine einzige schwache Geschichte zu finden ist. Mit der vielleicht besten Marbella-Geschichte, einem außergewöhnlichen Zeitmaschinen-Abenteuer (sicher auch ein M.O.U.S.E.-Anwärter), der besten "Einer von Donalds Neffen verliebt sich"-Geschichte, dem hier besprochenen Kriminalfall der etwas anderen Art und einer tollen Abschluss-Story mit Hubert Bogart und Quacky vom Planeten Ducky ist aber auch wirklich nur Spitzenware enthalten. Bei Namen wie Rodolfo Cimino, Massimo Marconi, Carlo Chendi, Giovan Battista Carpi, Massimo De Vita und Giorgio Cavazzano kann man nicht anders, als mit der Zunge zu schnalzen. Und obwohl "Der Raub der Kronjuwelen" mit ihren fast 90 Seiten die längste Geschichte des Bandes ist, wird sie seltsamerweise häufig übersehen. Schade, denn dieser Krimi hat ein ganz eigenes Flair!

Fazit: Wer mal einen Krimi lesen möchte, der nicht vor Waffen strotzt und trotz krimineller Handlungen praktisch nie das Gefühl eines entspannten Urlaubstrips verliert, der dürfte hier richtig sein. Ganz nebenbei lernt man auch noch so einiges über England im Allgemeinen, London im Speziellen und besonders über die Geschichte der Kronjuwelen. Und Minnie ist selten besser eingesetzt worden als hier.

PS: Ironischerweise ist der Comic in Großbritannien (oder überhaupt in englischer Sprache) nie erschienen – und ebenso unverständlich ist für mich auch, dass die Geschichte auch bei uns nie zweitverwertet wurde. Also: Falls irgendwann mal wieder Nachdrucke für LTB Spezial, Sondereditionen, Hardcover-Bände oder die Maus-Edition gesucht sein sollten – hier wäre ein heißer Kandidat...




von Spectaculus (Juli 2018)

Zuletzt aktualisiert: 07.08.2018, 23:11