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Die falsche Partitur

Storycode: I TL 3028-1
Originaltitel: Topolino e il codice armonico
Autor: Francesco Artibani
Zeichner: Paolo Mottura
Erstveröffentlichung: 2013
Deutsche Veröffentlichungen: LTB 540
Inhalt: Ein Freund von Zapotek hat in Mailand eine Partitur der Oper Aida von Giuseppe Verdi entdeckt, die in wesentlichen Punkten von der normalerweise gespielten Version abweicht. Micky und Goofy reisen deshalb nach Mailand, um das Rätsel dieser falschen Partitur zu lüften. In Mailand erfahren sie, dass Verdi sich auf seinem Landgut aufhält und die Premiere der Aida in der Scala wohl nicht anhören wird. Sie reisen daher nach Santa Agata. Verdi ist ihnen gegenüber sehr abweisend, er hat sich von seiner Musik zurückgezogen und beschäftigt sich lieber mit seinen Pferden. Doch Verdis Frau Giuseppina bittet sie herein. Micky und Goofy können dem Komponisten die falsche Partitur vorlegen, der erzürnt sofort nach Mailand aufbricht.
Dort kommen Micky und Goofy einem abenteuerlichen Komplott auf die Spur, in dessen Mittelpunkt sich die falsche Partitur befindet. Denn die Fehler übersetzen sich in einen Code, den eine Geheimgesellschaft benutzt, um sich zu vernetzen und gezielte Anschläge auf Mitglieder europäischer Herrscherhäuser zu begehen. Ihr Ziel ist es, das gerade geeinte Italien wieder auseinanderzubrechen. In letzter Minute können Micky und Goofy das Attentat verhindern.

Historischer Hintergrund: Die Einheit Italiens (Risorgimento) wurde 1815-1870 mühsam erkämpft (gegen Sizilien, den Kirchenstaat und vor allem Österreich und die von Österreich gestützten kleinen norditalienischen Staaten). Das Ergebnis sorgte zwar für viel Begeisterung, aber es gab auch Widerstand. Da das neue Italien antiklerikal war (es dauerte bis 1929, bis der Vatikan in seiner heutigen Form entstand), war der Papst ein strikter Gegner des neuformierten Königreichs Italien. Aber auch all die alten Kräfte in den norditalienischen Fürstentümern, die vom Zustand vor dem Risorgimento profitiert hatten und die durch ausländische Gruppen und die ins Exil gegangenen ehemaligen Fürsten unterstützt wurden, opponierten. Es bildete sich also eine Anti-Risorgimento-Bewegung.

1. Verdi sah tatsächlich so aus.
Mottura hat sich sehr stark an Bildern von Verdi orientiert. Auch der Charakter von Verdi im Comic ist durchaus treffend.

2. Verdi bewohnte 1872 ein Landgut bei Santa Agata und wollte nur noch wenig mit Musik zu tun haben.
Auch das ist richtig. Zu dieser Zeit war Giuseppe Verdi einer der gefeiertsten Opernkomponisten Italiens und dessen Werke unglaublich wichtig für das Nationalgefühl des erst kürzlich geeinten italienischen Staates. Die Aida hatte ein Jahr zuvor in Kairo ihre Erstaufführung erlebt (übrigens war die Oper nie zur Eröffnung des Suezkanals geplant, einer der sich haltenden historischen Mythen). In dieser Zeit lebte Verdi auf seinem Landgut bei Santa Agata (oder Sant'Agata) mit seiner zweiten Frau Giuseppina, einer ehemaligen Sängerin, die um einiges jünger war als er. In der Zeit entstand noch sein Requiem, dann schrieb er für gut zehn Jahre fast gar nichts mehr.
Was allerdings nicht stimmt, ist, dass Verdi ursprünglich vorhatte, bei der Premiere 1872 nicht anwesend zu sein, im Gegenteil. Im Unterschied zur Kairoer Erstaufführung war Verdi stark in die Vorbereitungen der Scala-Premiere involviert und übernahm auch das Dirigat. In Kairo hatten, sehr zu Verdis Missfallen, nur eingeladene Gäste die Oper hören können, sie blieb also den Bürgern vorenthalten. Entsprechend empfand Verdi die Scala-Aufführung als die eigentliche Premiere.

3. Die Anti-Risorgimento-Bewegung plante Attentate.
Im Einzelnen könnte es solche Pläne gegeben haben, konkretisiert wurden sie allerdings nie und es sind auch keine den Historikern bekannt. Attentate wurden im 19. Jahrhundert eher von Anarchisten und anderen Vertretern der radikalen Linken begangen, kaum von Rechten. In der bestehenden Ordnung des Alten Europas wären solche Attentate für Rechte auch kaum sinnvoll gewesen, in den meisten Fällen verwehrten sich die Eliten ohnehin gegen tiefgreifendere soziale Reformen.


4. Der Zwölfstundentag
Die letzten Jahrzehnte des 19. Jahrhunderts standen im Zeichen der zunehmenden Organisation der Arbeiterbewegung. Viele Politiker fürchten Umstürze im Sinne der von Marx ausgerufenen proletarischen Revolution. Das führte letzten Endes zur Bismarckschen Sozialgesetzgebung in Deutschland und der zunehmenden Beschränkung der Arbeitszeit, auch in vielen weiteren europäischen Staaten. Der Achtstundentag setzte sich vielerorts als Norm durch. Der Kampf um den Achtstundentag war allerdings ein harter und langer und der Baron in der Geschichte ist ein guter Repräsentant jener manchesterliberalen Kapitalisten, die erbittert gegen den Achtstundentag kämpften. Es ist allerdings gerade im Kontext Italiens ziemlich verfrüht für Micky, den Achtstundentag als nicht aufhaltbaren Fortschritt zu bezeichnen. Die Sozialgesetzgebung in Italien erfolgte später als in vielen anderen europäischen Ländern; so wurde erst 1970 die Obergrenze von 48 Stunden pro Woche eingezogen. Auch eine richtige Pensionsversicherung gibt es erst seit 1969 (gegenüber 1889 in Deutschland).

Fazit: Alles in allem schreibt Artibani hier eine wirklich komplexe Geschichte, die mehrere reale Faktoren des 19. Jahrhunderts miteinander verwebt. Sehr viele Informationen in der Geschichte sind historisch korrekt (was man leider nicht von allen Zeitreisegeschichten behaupten kann), dazu kommen noch die sehr schönen Zeichnungen Motturas. Wer einen Einblick in die italienische Geschichte des 19. Jahrhunderts nehmen will, ist mit dieser Geschichte sehr gut aufgehoben. Entenfan hat in seiner Rezension einen klaren Lesetipp gegeben, dem kann ich mich aus historischer Sicht nur anschließen.


Von McDuck (März 2021)



Zuletzt aktualisiert: 12.03.2021, 16:17
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